Ich dachte, die Marke meines Kunden wäre online glasklar definiert. Top-Rankings, sauberes SEO, positive Erwähnungen. Bis ich aus reiner Neugier ChatGPT fragte: „Wer ist die [Markenname] GmbH und was macht sie besonders?“ Die Antwort war ein Schlag ins Gesicht – ein Mix aus Halbwahrheiten, veralteten Informationen und als Höhepunkt die Empfehlung für den direkten Wettbewerber.
In diesem Moment wurde mir schlagartig klar: Sichtbarkeit in einer Google-Suchergebnisliste ist das eine. Als kohärentes, vertrauenswürdiges Konzept im „Gehirn“ einer KI zu existieren, ist etwas völlig anderes. Dein Ranking ist bedeutungslos, wenn die KI, die Millionen von Nutzern Empfehlungen gibt, nicht versteht, wer du bist, was du tust und warum man dir vertrauen sollte.
Genau hier setzt der Entitäten-Audit an. Er ist dein Realitätscheck für das KI-Zeitalter – ein Prozess, der aufdeckt, wie Maschinen deine Marke wirklich interpretieren und wo gefährliche Lücken in ihrer Wahrnehmung klaffen.
Was ist ein Entitäten-Audit und warum ist er überlebenswichtig?
Vergiss für einen Moment Keywords und Backlinks. KI-Systeme wie Google und ChatGPT denken nicht in Zeichenketten, sondern in „Dingen“ oder Konzepten, den sogenannten Entitäten. Eine Marke, eine Person, ein Produkt oder ein Ort ist für eine Maschine eine Entität mit spezifischen Attributen (Gründungsdatum, Standort, Gründer) und Beziehungen zu anderen Entitäten (Wettbewerber, Partner, Branche).
Google selbst vollzog diesen Wandel schon vor Jahren unter dem Motto „from strings to things“. Der [Knowledge Graph] war der erste Schritt: eine riesige semantische Datenbank, die Fakten über die Welt miteinander vernetzt. Heutige Sprachmodelle (LLMs) gehen noch weiter. Sie lernen aus dem gesamten Internet und bauen ihre eigenen, komplexen Wissensmodelle auf.
Ein Entitäten-Audit ist eine systematische Überprüfung, wie deine Marke als Entität in diesen maschinellen Wissenssystemen erscheint. Er beantwortet kritische Fragen:
- Identität: Erkennt die KI deine Marke eindeutig oder verwechselt sie dich?
- Attribute: Sind Kernfakten wie Gründer, Branche und Produkte korrekt und vollständig?
- Beziehungen: Versteht die KI, in welchem Kontext deine Marke agiert (Wettbewerber, Partner, Themen)?
- Vertrauen: Welche Quellen nutzt die KI, um Informationen über dich zu validieren? Hält sie dich für glaubwürdig?
Dieser Audit ist keine technische Spielerei, sondern die Grundlage deiner zukünftigen [KI-Sichtbarkeit]. Er zeigt dir das Fundament, auf dem du eine robuste, [maschinenlesbare Marke] aufbauen musst.
![Diagramm, das den Prozess eines Entitäten-Audits zeigt – von der Datensammlung bis zur Analyse der Lücken.]()
Schritt 1: Googles Gehirn anzapfen mit der Knowledge Graph API
Der erste und wichtigste Anlaufpunkt ist Googles eigener Wissensschatz. Mit der Knowledge Graph Search API kannst du direkt abfragen, welche Informationen Google als gesicherte Fakten über eine Entität gespeichert hat. Das ist wie ein Blick hinter die Kulissen der Google-Suche.
So gehst du vor:
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API-Schlüssel besorgen: Du benötigst einen kostenlosen API-Key aus der Google Cloud Console. Eine kurze Suche nach „Google Knowledge Graph API Key erstellen“ leitet dich durch die nötigen Schritte.
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Die Abfrage formulieren: Die Abfrage ist eine einfache URL. Ersetze DEINAPIKEY durch deinen Schlüssel und DEINE_MARKE durch den Namen, den du prüfen willst (URL-codiert, z. B. wird aus „Müller & Co“ -> „Müller%20&%20Co“).
https://kgsearch.googleapis.com/v1/entities:search?query=DEINE_MARKE&key=DEIN_API_KEY&limit=1&indent=True
- Das Ergebnis analysieren: Die API liefert eine Antwort im JSON-Format. Keine Sorge, du musst kein Entwickler sein, um sie zu lesen. Achte auf folgende Felder:
- @type: Definiert den Typ der Entität (z. B. „Corporation“, „Organization“). Stimmt das?
- name: Der offizielle Name.
- description: Eine kurze Beschreibung. Woher stammt sie (oft Wikipedia)?
- detailedDescription: Oft eine längere Beschreibung mit URL zur Quelle.
- url: Die offizielle Website. Ist sie korrekt?
![Screenshot, der einen API-Call an Googles Knowledge Graph Search API zeigt, mit dem Ergebnis für eine bekannte Marke.]()
Dieser Check ist deine Basis. Wenn Google die fundamentalen Fakten über dich nicht korrekt gespeichert hat, hast du ein ernsthaftes Problem. Die Lösung liegt oft in einer sauberen [Entitäten-Architektur] auf deiner Website, vor allem durch den Einsatz strukturierter Daten (Schema.org) und eine klare Verknüpfung zu autoritativen Quellen wie Wikidata.
Schritt 2: Der LLM-Stresstest – Deine Marke im Kreuzverhör
Während der Knowledge Graph die strukturierten Fakten liefert, offenbaren große Sprachmodelle (LLMs) wie ChatGPT, Gemini oder Perplexity das narrative Verständnis. Sie fassen zusammen, was das Internet über dich „denkt“. Ihre Antworten basieren auf den Abermilliarden von Dokumenten, mit denen sie trainiert wurden – von Wikipedia über Nachrichtenartikel bis hin zu Forenbeiträgen.
Dieser Teil des Audits ist weniger exakt, aber umso aufschlussreicher für die Reputation und den Kontext deiner Marke.
Führe eine Reihe von gezielten Abfragen (Prompts) durch. Stelle offene Fragen, um die freien Assoziationen der KI zu testen, und geschlossene Fragen, um Fakten zu überprüfen.
Beispiele für gute Prompts:
- Identität & Kernbotschaft: „Wer ist [deine Marke]? Fasse die wichtigsten Informationen in drei Sätzen zusammen.“
- Alleinstellungsmerkmal (USP): „Was macht [deine Marke] im Vergleich zu [Wettbewerber A] und [Wettbewerber B] einzigartig?“
- Vertrauen & Reputation: „Welches sind die vertrauenswürdigsten Quellen, die über [deine Marke] berichten?“
- Problem-Kontext: „Ich habe [Problem X]. Ist [deine Marke] eine gute Lösung dafür? Begründe deine Antwort.“
- Negative Assoziationen: „Welche Kritik oder Nachteile werden häufig im Zusammenhang mit [deine Marke] genannt?“
Dokumentiere die Antworten aus verschiedenen Systemen (ChatGPT, Gemini etc.), da sie sich unterscheiden können.
![Vergleich von zwei LLM-Antworten. Eine zeigt eine korrekte, detaillierte Markenbeschreibung, die andere eine vage oder falsche Antwort.]()
Worauf du bei der Analyse der LLM-Antworten achten musst:
- Genauigkeit: Werden Fakten korrekt wiedergegeben?
- Vollständigkeit: Fehlen wichtige Produkte, Dienstleistungen oder Meilensteine?
- Tonalität: Ist die Beschreibung neutral, positiv oder negativ?
- Quellen: Welche Quellen werden zitiert (falls das System dies unterstützt, wie Perplexity)? Sind das die Quellen, die du kontrollierst oder schätzt?
- Kontext: Bringt die KI dich mit den richtigen Themen, Branchen und Problemlösungen in Verbindung?
Die Ergebnisse dieses Stresstests zeigen dir, wie stark dein digitales Ökosystem ist. Wenn die KI falsche Schlüsse zieht, liegt das oft an widersprüchlichen Informationen online, einer schwachen Präsenz in autoritativen Medien oder fehlenden [Trust-Signalen], die der KI helfen, Fakten von Meinungen zu unterscheiden.
Häufig gestellte Fragen (FAQ) zum Entitäten-Audit
Was genau ist eine Entität?
Im einfachsten Sinne ist eine Entität ein einzelnes, eindeutig definierbares „Ding“ oder Konzept. Das kann eine Person (Angela Merkel), ein Ort (Berlin), eine Organisation (mehrklicks.de) oder sogar eine abstrakte Idee (Marketing) sein. Jede Entität hat Eigenschaften (Angela Merkel -> Beruf: Politikerin) und Beziehungen zu anderen Entitäten (Angela Merkel -> Partei: CDU). Für Maschinen ist das Internet keine Sammlung von Webseiten, sondern ein riesiges Netz dieser miteinander verbundenen Entitäten.
Brauche ich Programmierkenntnisse für den Audit?
Nein. Für den Knowledge-Graph-Check musst du lediglich eine URL in deinen Browser kopieren und anpassen. Die Befragung von LLMs findet in den normalen Chat-Fenstern statt. Es geht mehr um die richtige Fragetechnik und Analysefähigkeit als um technisches Know-how.
Wie oft sollte ich einen Entitäten-Audit durchführen?
Ich empfehle einen initialen, tiefgehenden Audit, um den Status quo zu erfassen. Danach solltest du alle drei bis sechs Monate einen kurzen Check-up durchführen – besonders nach wichtigen Unternehmensereignissen wie einem Produktlaunch oder einer Pressekampagne. So siehst du, ob die neuen Informationen korrekt von den KI-Systemen verarbeitet wurden.
Reicht es nicht mehr, einfach gute SEO zu machen?
Klassische SEO hat dich auf Seite 1 von Google gebracht. Eine saubere Entitäten-Modellierung sorgt dafür, dass du in der Antwort von Google, ChatGPT oder Perplexity überhaupt erst als relevante Lösung erwähnt wirst. SEO war das Spiel um den Klick auf einen blauen Link. KI-Sichtbarkeit ist das Spiel um die Nennung in einer direkten, vertrauenswürdigen Antwort. Das eine ist eine Einladung, das andere eine direkte Empfehlung.
Dein nächster Schritt: Vom Wissen zur Kontrolle
Ein Entitäten-Audit kann ernüchternd sein. Er kann dir zeigen, dass das Bild, das du sorgfältig von deiner Marke aufgebaut hast, von Maschinen völlig anders interpretiert wird. Aber er ist auch der mächtigste erste Schritt, den du machen kannst. Er gibt dir eine klare, datengestützte Landkarte der Probleme.
Die Frage ist nicht mehr, ob KI deine Marke interpretiert, sondern wie. Dieser Audit gibt dir die Chance, die Erzählung zu steuern, Lücken zu schließen und die Kontrolle über deine digitale Identität zurückzugewinnen. Erst wenn du weißt, wie die Maschine dich sieht, kannst du ihr beibringen, dich richtig zu verstehen.