Warum ich „Hier klicken“ verbanne: Wie mein System semantische Ankertexte für maximale KI-Lesbarkeit erzwingt
Ich erinnere mich an das Audit für einen großen Online-Shop. Tausende von Seiten, perfekt optimiert nach allen Regeln der klassischen SEO-Kunst. Technisch sauber, schneller Pagespeed, guter Content. Trotzdem war die Marke in den neuen KI-Suchsystemen wie ChatGPT oder Perplexity quasi unsichtbar. Die KI verstand einfach nicht, wie die Produkte, Kategorien und Ratgeberartikel des Shops inhaltlich zusammenhingen.
Das Problem war tief in der DNA der Seite vergraben, in Tausenden von kleinen, unscheinbaren Phrasen: „Hier klicken“, „mehr erfahren“, „zum Produkt“. Jahrelang hatten Redakteure und Marketer Links gesetzt, die für Menschen visuell funktionierten, für Maschinen aber kontextloses Rauschen waren. Sie hatten ein riesiges Netz aus Wegen gebaut, aber vergessen, die Wegweiser aufzustellen. Für eine KI war die Seite ein Labyrinth ohne Beschriftung.
In diesem Moment wurde mir klar: Einer der größten Hebel für die Sichtbarkeit in der KI-Suche ist zugleich einer der meistvernachlässigten Bausteine der Content-Architektur – der Ankertext.
Das stille Gift für die KI: Warum „Hier klicken“ Ihre Relevanz zerstört
Ein Ankertext ist der klickbare Text eines Hyperlinks. Für uns Menschen ist er ein simpler Befehl. Wir sehen einen Button mit „Mehr lesen“ und verstehen durch den visuellen Kontext sofort, was passieren wird.
Eine Maschine hat diesen visuellen Kontext nicht. Für sie ist ein Link ein fundamentales Signal, das eine Beziehung zwischen zwei Informationseinheiten herstellt. Der Ankertext ist die Beschreibung dieser Beziehung.
- „Hier klicken“ sagt der KI: „Diese Seite ist mit einer anderen Seite verbunden. Über die Art der Beziehung weiß ich nichts.“
- „Erfahren Sie mehr über unsere KI-Visibility-Frameworks“ sagt der KI: „Diese Seite (Quelle) ist mit einer Seite (Ziel) verbunden, die das Konzept ‚KI-Visibility-Frameworks‘ detailliert erklärt.“
Das ist der fundamentale Unterschied zwischen einem Befehl und einer semantischen Brücke. Generische Ankertexte sind für eine KI wie ein Satz mit einem fehlenden Verb. Die Verbindung ist da, aber die Bedeutung fehlt.
Diese Erkenntnis ist nicht neu. Schon vor über einem Jahrzehnt hat die Nielsen Norman Group in Usability-Studien festgestellt, dass vage Ankertexte wie „hier“ die Nutzer verwirren und die Lesbarkeit drastisch senken. Nutzer müssen den umgebenden Text scannen, um den Kontext des Links zu erraten. Das ist ineffizient und anstrengend.
Google selbst rät in seinen SEO-Grundlagen unmissverständlich: „Je aussagekräftiger der Ankertext ist, desto einfacher können Nutzer die verlinkten Seiten aufrufen und desto besser kann Google verstehen, worum es auf diesen Seiten geht.“ Obwohl wir das für die klassische SEO seit Jahren wussten, haben die meisten die wahre Tragweite ignoriert: Es ging nie nur um Keywords im Linktext, sondern schon immer darum, eine maschinenlesbare Wissensarchitektur aufzubauen.
Von Keywords zu Beziehungen: Ankertexte als Synapsen Ihres digitalen Gehirns
Die alten SEO-Regeln besagten, man solle sein Hauptkeyword im Ankertext platzieren. Das ist nicht falsch, aber es ist nur die halbe Wahrheit. In der Ära der KI geht es nicht mehr darum, eine Seite auf ein Keyword zu optimieren. Vielmehr geht es darum, eine Seite als definierte Informationseinheit – eine Entität – zu etablieren. Mehr darüber können Sie in meinem Grundlagenartikel was ist eine entität nachlesen.
Ein Link ist die Verbindung zwischen zwei Entitäten. Der Ankertext beschreibt die Art dieser Verbindung.
Stellen Sie sich Ihre Website wie ein Gehirn vor. Jede Seite ist ein Neuron – ein Konzept, eine Idee. Die internen Links sind die Synapsen, die diese Neuronen verbinden.
- Generischer Ankertext („mehr“): Eine schwache, undefinierte Verbindung. Das Signal geht verloren.
- Semantischer Ankertext („erklärt die Grundlagen der semantischen Suche“): Eine starke, definierte Verbindung. Die KI versteht: Neuron A erklärt Neuron B.
Wenn Sie Hunderte oder Tausende dieser starken, semantischen Verbindungen schaffen, entsteht ein kohärentes Wissensnetz. Die KI erkennt nicht nur einzelne Themen, sondern versteht die gesamte Architektur Ihres Wissens. Sie begreift, welche Inhalte grundlegend sind, welche vertiefend und wie Ihre Produkte die Probleme lösen, die in Ihren Ratgebern beschrieben werden. So wird Ihre Website zu einem eigenen, in sich geschlossenen Knowledge Graph, den Sie systematisch aufbauen.
Mein System: Wie ich semantische Ankertexte automatisiert erzwinge
Die manuelle Korrektur von Tausenden von Links ist unmöglich. Deshalb habe ich ein System entwickelt, das diesen Prozess für meine Projekte automatisiert. Es ist kein simples „Suchen und Ersetzen“-Tool, sondern eine Engine, die auf dem Prinzip der Entitäten-Analyse basiert.
Der Prozess läuft in vier Schritten ab:
- Crawl & Identifikation: Zuerst crawlt das System die gesamte Website und identifiziert alle internen Links. Dabei markiert es eine vordefinierte Liste an „Stop-Wörtern“ wie „hier“, „klicken“, „mehr“, „weiterlesen“ oder „zum Artikel“.
- Entitäten-Analyse der Quellseite: Für jeden markierten Link analysiert die Engine den umgebenden Text mithilfe von Natural Language Processing (NLP) und extrahiert die zentralen Entitäten und Konzepte des Absatzes.
- Entitäten-Analyse der Zielseite: Parallel dazu analysiert die Engine die Zielseite des Links. Sie identifiziert deren Kernentität, meist basierend auf H1-Titel, Seitentitel und der semantischen Dichte des Inhalts.
- Generierung & Ersetzung: Das System vergleicht die Entitäten von Quelle und Ziel und generiert daraus einen neuen Ankertext, der die Beziehung präzise beschreibt.
Ein praktisches Beispiel:
- Alter Satz: „Um Ihre Website für die Zukunft zu wappnen, müssen Sie die Grundlagen von KI-Systemen verstehen. Klicken Sie hier, um mehr zu erfahren.“ (Link auf einen Artikel über semantische Suche)
- Systemanalyse:
- Quelle: Erkennt Entitäten wie „Website“, „Zukunft“, „KI-Systeme“.
- Ziel: Erkennt die Kernentität „Semantische Suche“.
- Neuer, generierter Satz: „Um Ihre Website für die Zukunft zu wappnen, müssen Sie die Grundlagen von KI-Systemen verstehen. Ein zentraler Baustein ist, die Funktionsweise der semantischen Suche zu verstehen.“
Das System korrigiert nicht nur, es erzieht auch: Neue Inhalte, die von Redakteuren erstellt werden, durchlaufen denselben Prozess. Generische Ankertexte werden automatisch zur Überarbeitung markiert oder direkt durch präzisere Vorschläge ersetzt.
Das Ergebnis ist eine Website, deren interne Verlinkung nicht mehr nur der menschlichen Navigation dient, sondern zu einer maschinenlesbaren Landkarte des Wissens wird. So kommuniziert sie proaktiv ihre eigene Struktur, ihre Schwerpunkte und die Beziehungen zwischen ihren Inhalten an jede KI, die sie crawlt.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was genau ist ein Ankertext?
Der Ankertext (engl. Anchor Text) ist der sichtbare, klickbare Text in einem Hyperlink. Im HTML-Code sieht das so aus: Das hier ist der Ankertext.
Warum ist „hier klicken“ auch für die klassische SEO schlecht?
Schon vor der KI-Ära war dieser Ansatz nachteilig, da er Suchmaschinen keinen Kontext darüber lieferte, worum es auf der Zielseite geht. Ein Link von einer Seite über „Fahrradreparatur“ mit dem Ankertext „Anleitung für den Reifenwechsel“ zur passenden Zielseite ist ein viel stärkeres Relevanzsignal als ein Link mit dem Text „hier“. Außerdem ist er, wie Studien der Nielsen Norman Group zeigen, schlecht für die Benutzerfreundlichkeit.
Ist es schlimm, wenn ich nur ein paar generische Ankertexte auf meiner Seite habe?
Bei einer Handvoll Links ist der Schaden überschaubar. Das Problem liegt in der Skalierung. Auf großen Websites summieren sich Hunderte oder Tausende kontextlose Ankertexte zu einem massiven Strukturproblem, das die Fähigkeit von KI-Systemen, Ihre Expertise zu verstehen, systematisch untergräbt.
Kann ich das Problem nicht einfach manuell beheben?
Bei einer kleinen Website mit 50 Seiten – absolut. Bei einer Website mit 5.000 Seiten ist der manuelle Aufwand enorm und fehleranfällig. Ein systematischer, automatisierter Ansatz sorgt nicht nur für eine einmalige Korrektur, sondern verhindert das Problem auch in Zukunft.
Welche Tools können mir helfen, schlechte Ankertexte zu finden?
Tools wie Screaming Frog oder Ahrefs können Ihre Website crawlen und Ihnen einen Export aller internen Ankertexte liefern. Damit können Sie das Ausmaß des Problems identifizieren. Die Korrektur und semantische Generierung erfordert jedoch entweder manuelle Arbeit oder ein spezialisiertes System wie das von mir beschriebene.
Ihr nächster Schritt: Denken Sie wie eine Maschine
Hören Sie auf, Links als Klick-Befehle für Menschen zu sehen. Beginnen Sie damit, sie als das zu betrachten, was sie für Google, ChatGPT und Co. wirklich sind: die grundlegenden Bausteine Ihrer Wissensarchitektur.
Jeder einzelne interne Link ist eine Chance, einer Maschine präzise zu erklären, wie Ihre Inhalte zusammenhängen. Jeder Ankertext ist eine Beschriftung an der Synapse Ihres digitalen Gehirns. Nutzen Sie sie weise. Wer heute noch „hier klicken“ schreibt, optimiert für ein Web, das es bald nicht mehr geben wird, und riskiert, in der Ära der KI unsichtbar zu werden.