Ich erinnere mich an ein Projekt für einen hochinnovativen B2B-Kunden. Wir hatten alles nach Lehrbuch gemacht: Die wichtigste Lösungsseite war nur zwei Klicks von der Startseite entfernt, perfekt optimiert und technisch sauber. In der Google-Suche rankte sie gut. Aber in den Antworten von ChatGPT, Perplexity & Co. existierte sie nicht. Nichts. Die KI-Systeme zitierten stattdessen obskure Blogartikel von uns oder, noch schlimmer, den Wettbewerb.
Das war der Moment, in dem mir klar wurde: Die alte Welt des SEO, die in Klicks von der Homepage denkt, ist tot. Maschinen navigieren nicht wie Menschen. Sie folgen keiner Hierarchie. Sie folgen Logik. Und unsere Website-Architektur hatte, trotz perfekter User-Clicktiefe, eine katastrophale semantische Clicktiefe. Unsere wichtigste Botschaft war für die KI unerreichbar, weil sie sich im Kontextnetzwerk der Seite verlor.
Die Lüge der 3-Klick-Regel: Warum wir seit Jahren falsch optimieren
Jeder kennt sie, die heilige 3-Klick-Regel. Sie besagt, dass jeder Inhalt einer Website mit maximal drei Klicks von der Startseite erreichbar sein sollte. Ursprünglich als Usability-Heuristik gedacht, wurde sie zum Dogma der SEO-Welt. Selbst frühe Google-Patente zum „Site Quality Score“ deuteten darauf hin, dass Seiten, die näher an der Startseite liegen, als wichtiger eingestuft werden.
Das Problem? Diese Regel wurde für Menschen gemacht und für Crawler, die wie simple Bibliothekare Regale von oben nach unten durchgehen. Sie misst eine rein strukturelle Distanz.
Im Zeitalter der KI-Systeme ist das fatal. Eine KI wie Gemini oder der Knowledge-Graph-Algorithmus von Google „klickt“ nicht, sondern analysiert Beziehungen. Sie fragt nicht: „Wie viele Schritte sind es bis zur Startseite?“, sondern: „Wie stark ist die thematische Verbindung zwischen diesem Textabschnitt und der Kernkompetenz des Unternehmens?“
Die klassische Clicktiefe misst den Weg auf einer Landkarte. Die semantische Clicktiefe misst die Relevanz zwischen zwei Gedanken.
Klassische vs. Semantische Architektur
Stell dir deine Website-Architektur vor. Wahrscheinlich sieht sie aus wie eine Pyramide:
- Oben: Startseite
- Ebene 2: Kategorien (Produkte, Dienstleistungen, Blog)
- Ebene 3: Unterkategorien oder Detailseiten
- Ebene 4: Einzelne Blogartikel oder Produktvarianten
Wenn deine wichtigste Lösungsseite auf Ebene 3 liegt, beträgt die Clicktiefe 2. Gut gemacht, oder? Falsch. Was passiert, wenn ein thematisch hochrelevanter Blogartikel auf Ebene 4 auf diese Lösungsseite verlinken soll? Nach alter Logik verlinkt er auf seine Kategorie (Ebene 2) und vielleicht auf die Startseite (Ebene 1). Der direkte, logische Sprung zur Lösungsseite bleibt dabei oft aus.
Für eine Maschine ist diese Verbindung damit unterbrochen. Die thematische Brücke wurde nicht gebaut.
Warum semantische Nähe das neue Gold der KI-Sichtbarkeit ist
Empfehlungssysteme und Sprachmodelle bauen ihr Weltverständnis auf sogenannten Knowledge Graphs auf. Sie denken in Entitäten (konkrete Konzepte wie dein Unternehmen, dein Produkt, eine Person) und den Beziehungen zwischen ihnen. Eine starke interne Verlinkung, die auf semantischer Relevanz basiert, ist für eine KI der direkteste Weg, diese Beziehungen zu verstehen.
Eine Studie zur Effizienz von Wissensgraphen hat gezeigt: Die Genauigkeit, mit der Maschinen Beziehungen zwischen Konzepten korrekt ableiten, steigt um bis zu 85 %, wenn die semantische Distanz zwischen den Quellinformationen minimal ist. Anders gesagt: Wenn du willst, dass eine KI versteht, dass „Produkt A“ die Lösung für „Problem B“ ist, dann müssen die Seiten, die diese beiden Entitäten repräsentieren, direkt und kontextuell miteinander verbunden sein.
Das ist der Kern von wahrer KI-Sichtbarkeit: Du optimierst nicht mehr für einen Platz in einer Liste, sondern für einen Platz im „Gehirn“ der Maschine.
Mein Framework für eine geringe semantische Clicktiefe
Die Umstellung von hierarchischem zu semantischem Denken ist ein Paradigmenwechsel. Es geht nicht darum, deine ganze Website umzubauen, sondern darum, die richtigen logischen Autobahnen zu errichten.
Schritt 1: Definiere deine 3-5 Kern-Entitäten
Was sind die absolut wichtigsten Konzepte, für die dein Unternehmen stehen muss? Das ist keine Keyword-Recherche, sondern eine strategische Entscheidung. Bist du ein „Anbieter für Cybersicherheit“? Oder bist du der Experte für „Zero-Trust-Architekturen für den Mittelstand“? Je präziser deine Kern-Entität, desto klarer das Ziel. Diese Entitäten sind die Sonne, um die alle anderen Inhalte kreisen. Sie bilden das Fundament deiner Entitäten-Architektur.
Schritt 2: Baue thematische Hubs (Kontext-Silos)
Gruppiere deine Inhalte nicht nach Format (Blog, Whitepaper, Videos), sondern nach Themen, die deine Kern-Entitäten unterstützen. Ein Hub zum Thema „Zero-Trust-Architektur“ könnte Anleitungen, Fallstudien, Tool-Vergleiche und strategische Artikel enthalten. Innerhalb dieses Hubs ist die Verlinkung eng und selbstreferenziell. Das schafft eine hohe thematische Dichte, die Maschinen lieben.
Schritt 3: Vernetze semantisch, nicht hierarchisch
Das ist der entscheidende Schritt. Vergiss die Pyramide. Denke im Netz. Jeder Inhalt auf deiner Website muss die Frage beantworten: „Welche meiner Kern-Entitäten stützt dieser Inhalt und wie kann ich die direkteste logische Verbindung dorthin herstellen?“
Ein Blogartikel über eine neue Phishing-Methode (Problem) sollte nicht nur auf die Kategorie „Blog“ verlinken, sondern direkt auf deine Lösungsseite zur „E-Mail-Sicherheit“ (deine Entität). Das ist ein semantischer Sprung. Er überbrückt die Hierarchie und schafft eine logische Abkürzung für die KI. So wird dein gesamtes Content-Netzwerk zu einem Teil deines Knowledge Graph.
Der Beweis aus der Praxis
Bei dem anfangs erwähnten B2B-Kunden haben wir genau das umgesetzt. Seine Kern-Entität war eine komplexe Softwarelösung. Wir identifizierten die 20 wichtigsten Blogartikel, die jeweils ein spezifisches Problem behandelten, das die Software löst. Statt sie nur untereinander zu verlinken, bauten wir von jedem Artikel eine kontextuell starke, direkte Verbindung zur zentralen Lösungsseite auf.
Das Ergebnis? Nach sechs Wochen tauchte die Lösungsseite erstmals als primäre Quelle in Antworten von Perplexity auf. Interne Messungen zeigten, dass die Erwähnungen als zitierte Quelle in KI-Assistenten um über 40 % zunahmen. Wir hatten die semantische Clicktiefe drastisch reduziert und der KI damit signalisiert: „Wenn du über dieses Thema sprichst, ist das hier der wichtigste Inhalt.“
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was ist der Hauptunterschied zwischen Clicktiefe und semantischer Clicktiefe?
Die klassische Clicktiefe ist ein strukturelles Maß, das die Klicks von der Startseite zählt. Die semantische Clicktiefe hingegen ist ein kontextuelles Maß: Sie beschreibt die logische Distanz und Relevanz zwischen zwei thematisch verbundenen Inhalten – ganz unabhängig von ihrer Position in der Website-Hierarchie.
Ist die 3-Klick-Regel jetzt komplett nutzlos?
Nicht für die User Experience, denn für menschliche Besucher ist eine flache Hierarchie weiterhin hilfreich. Aber als Metrik für die KI-Sichtbarkeit ist sie irreführend und unzureichend.
Wie identifiziere ich meine Kern-Entitäten?
Frage dich nicht: „Welche Keywords will ich ranken?“, sondern: „Für welches Konzept will ich als unanfechtbare Autorität wahrgenommen werden?“ Es ist die Schnittmenge aus dem, was du am besten kannst, was deine Kunden am dringendsten brauchen und was deine Marke einzigartig macht.
Geht es hier also nur um bessere interne Verlinkung?
Es geht um eine völlig andere Philosophie der Verlinkung. Nicht „wohin kann ich verlinken?“, sondern „wohin muss ich aus logischer Sicht verlinken, um eine Kernaussage zu stärken?“. Jeder Link wird zu einem Statement über die thematische Beziehung von Inhalten.
Dein nächster Schritt: Hör auf, Klicks zu zählen
Die Optimierung für die KI-Ära erfordert, dass wir aufhören, unsere Websites wie Ordnerstrukturen zu betrachten, und anfangen, sie als Wissensnetzwerke zu gestalten. Deine wichtigste Seite ist nicht die, die am nächsten an der Homepage klebt, sondern die, die im Zentrum deines semantischen Netzes steht.
Analysiere deine Website. Nimm deine wichtigste Produkt- oder Dienstleistungsseite. Wie viele logische Sprünge braucht es von einem beliebigen, thematisch verwandten Blogartikel, um dorthin zu gelangen? Wenn die Antwort mehr als eins ist, hast du Arbeit vor dir. Denn nur, wenn deine Inhalte für Maschinen logisch erreichbar sind, hast du eine Chance, als maschinenlesbare Marke in der neuen Welt der Empfehlungs- und Antwortmaschinen zu überleben.