Ich erinnere mich an einen Kunden aus der Finanzbranche. Seine Ratgeberartikel rankten bei Google seit Jahren auf Top-Positionen und sicherten ihm stabilen Traffic und ein solides Geschäft.
Dann kamen die ersten Tests mit Googles SGE, den heutigen AI Overviews. Über Nacht brach seine Sichtbarkeit in den KI-generierten Antworten ein. Seine Inhalte wurden von der KI komplett ignoriert, obwohl sie auf Seite 1 rankten. Für die Maschine existierten sie nicht mehr.
Das war kein Bug. Das war ein Feature.
Wir erleben gerade den fundamentalsten Wandel seit der Erfindung von Suchmaschinen. Es geht nicht mehr nur um Rankings, sondern darum, ob eine KI deinem Content überhaupt zutraut, Teil einer Antwort zu sein. Und bei YMYL-Themen – ‚Your Money or Your Life‘ – ist das Misstrauen der Maschine der neue Standard. Wer hier nicht beweisen kann, dass er absolut vertrauenswürdig ist, wird unsichtbar.
Der neue Gatekeeper: Warum AI Overviews YMYL-Content fürchten (und filtern)
Stell dir vor, eine KI gibt dir einen falschen Ratschlag zu deiner Altersvorsorge oder einer medizinischen Behandlung. Der Schaden wäre immens – für dich und für den Ruf von Google. Aus diesem Grund hat die KI einen eingebauten Schutzmechanismus, der bei Finanz-, Gesundheits-, Rechts- und Sicherheitsthemen auf die höchste Stufe schaltet.
YMYL-Content wird nicht mehr nur indexiert, er wird verhört. Die KI agiert wie ein extrem strenger Gutachter, der vor der Veröffentlichung einer wissenschaftlichen Arbeit die Quellen, den Autor und die Reputation des herausgebenden Instituts prüft.
Ein gut geschriebener Artikel reicht nicht mehr. Du brauchst Beweise. Maschinenlesbare Beweise.
Das traditionelle E-A-T-Modell (Expertise, Authoritativeness, Trustworthiness) entwickelt sich dabei zu E-E-A-T (mit dem zusätzlichen ‚Experience‘) und wandelt sich von einer SEO-Richtlinie zu einer harten technischen Anforderung.
Das E-E-A-T-Verhör: Wie die KI deine Expertise wirklich prüft
Die KI liest nicht einfach nur deinen Text. Sie analysiert das gesamte Ökosystem rund um deinen Inhalt, um eine einzige Frage zu beantworten: ‚Kann ich dieser Information vertrauen?‘ Dafür nutzt sie Methoden, die weit über das klassische SEO hinausgehen.
Mehr als nur Keywords: Die Suche nach dem wissenschaftlichen Konsens
Das ist vielleicht der größte Paradigmenwechsel: Für YMYL-Themen sucht die KI nicht nach der ‚besten‘ Antwort, sondern nach dem anerkannten Konsens. Wenn du über die Vorteile von Omega-3-Fettsäuren schreibst, vergleicht die KI deine Aussagen mit den Veröffentlichungen von etablierten Gesundheitsorganisationen, medizinischen Fachjournalen und Universitätsstudien.
Deine Inhalte werden nicht isoliert bewertet, sondern im Kontext des globalen Wissensstands. Weichst du von diesem Konsens ab, ohne dies durch extrem starke Quellen zu belegen, wirst du als potenzielle Fehlinformation eingestuft und aussortiert. Die KI will keine einzelnen Meinungen, sie will gesichertes Wissen. Dieses Streben nach Sicherheit ist die Basis für maschinelles Vertrauen.
Wer bist du? Die knallharte Autor-Analyse der KI
Früher reichte ein Autorenname am Anfang des Artikels. Heute will die KI wissen, wer diese Person wirklich ist. Sie behandelt den Autor als eigene Entität und stellt knallharte Fragen:
- Wer ist dieser Autor? Gibt es eine Autorenseite mit einer klaren Biografie, Qualifikationen und Fachgebieten?
- Was hat diese Person sonst noch veröffentlicht? Sind das themenrelevante und anerkannte Publikationen?
- Wird dieser Autor von anderen Autoritäten zitiert? Verweisen anerkannte Branchenportale oder wissenschaftliche Arbeiten auf ihn?
- Existiert der Autor außerhalb der eigenen Website? Gibt es Profile in Fachnetzwerken, Interviews oder Erwähnungen auf anderen vertrauenswürdigen Seiten?
Ein Autor ohne klare, nachvollziehbare digitale Identität ist für die KI ein Niemand. Und einem Niemand vertraut sie keine Ratschläge zu deinem Geld oder deiner Gesundheit an. Die Reputation des Autors wird so zu einem der stärksten Signale für die Glaubwürdigkeit des Inhalts.
Dein digitales Fundament: Warum die Publisher-Reputation alles entscheidet
Neben dem Autor wird die gesamte Website als Publisher-Entität bewertet. Ein einzelner exzellenter Artikel auf einer ansonsten themenfremden oder neuen Website hat kaum eine Chance. Die KI prüft das große Ganze:
- Wofür steht diese Domain? Ist sie eine anerkannte Autorität für Finanzthemen oder nur ein allgemeiner Blog, der versucht, ein Trendthema zu besetzen?
- Wer steckt dahinter? Gibt es ein klares Impressum, eine transparente ‚Über uns‘-Seite und nachvollziehbare Kontaktinformationen?
- Wie ist die Reputation der Marke? Wird die Marke in der Branche positiv erwähnt? Gibt es negative Presse oder Warnungen von Verbraucherschutzorganisationen?
Die Reputation des Publishers ist der Filter, durch den jeder einzelne Inhalt erst einmal muss. Ohne ein starkes Fundament aus thematischer Autorität und Transparenz nimmt die KI deinen Content gar nicht erst ernst.
Von der Theorie zur Praxis: Mach deine E-E-A-T-Signale maschinenlesbar
Zu verstehen, was die KI prüft, ist die eine Sache. Ihr die richtigen Signale in einer Sprache zu liefern, die sie versteht, ist die andere. Es geht darum, deine Expertise, Autorität und Vertrauenswürdigkeit explizit und technisch sauber zu kommunizieren.
Sprich die Sprache der Maschinen: Strukturierte Daten als Übersetzer
Strukturierte Daten (Schema Markup) sind das Vokabular, mit dem du der KI deine E-E-A-T-Signale direkt übermittelst. Sie sind keine Empfehlung mehr, sondern eine Notwendigkeit.
Author Schema: Verknüpfe jeden Artikel mit einem Autor und fülle sein Profil mit Informationen wie knowsAbout, alumniOf (Ausbildung) und sameAs (Links zu seinen Social-Media- oder Fachprofilen).
Organization Schema: Definiere deine Marke klar als Organisation. Gib an, wer ihr seid, wo ihr sitzt und verlinke auf eure offiziellen Profile (sameAs).
ReviewedBy Schema: Lass YMYL-Inhalte von einem qualifizierten Experten überprüfen und zeichne diesen Prozess mit Schema aus. Das ist ein extrem starkes Trust-Signal.
Diese Datenpunkte verwandeln vage Konzepte wie ‚Autorität‘ in konkrete, maschinenlesbare Fakten. Das ist der Kern von Entitäten-basierter SEO.
Bausteine der Autorität: Mehr als nur Backlinks
Links sind immer noch wichtig, aber die KI bewertet sie anders. Ein Link von einer hochrangigen, aber themenfremden Seite ist weniger wert als eine Erwähnung (auch ohne Link) in einem relevanten Fachartikel. Es geht um kontextuelle Zitate.
- Baue Autoren-Entitäten auf: Sorge dafür, dass deine Experten nicht nur auf deiner Seite, sondern auch auf anderen relevanten Plattformen publizieren oder zitiert werden.
- Sichere dir kontextuelle Erwähnungen: Werde in Branchenstudien, als Experte in Interviews oder in Fachartikeln genannt.
- Verbinde dich mit Wissensgraphen: Sorge für einen akkuraten Eintrag deiner Organisation und deiner Experten in Datenbanken wie Wikidata.
Jede dieser Verbindungen stärkt das Netz aus Vertrauenssignalen, das die KI um deine Marke und deine Autoren spinnt.
Fazit: In der KI-Ära ist Vertrauen keine Meinung, sondern ein Datenpunkt
Der Fall meines Finanzkunden war eine schmerzhafte, aber wichtige Lektion. Gute Rankings sind eine Einladung zur Prüfung, aber keine Garantie für Sichtbarkeit. In der Welt der AI Overviews – und damit in der Zukunft der Suche – gewinnt nicht, wer die besten Keywords trifft, sondern wer seine Expertise maschinell beweisen kann.
Für YMYL-Publisher ist das keine Option, sondern eine Überlebensfrage. Beginne heute damit, nicht nur Content zu erstellen, sondern eine Architektur des Vertrauens rund um deine Marke, deine Autoren und deine Inhalte aufzubauen. Denn wenn die KI dir nicht vertraut, existierst du für einen wachsenden Teil der Suchenden einfach nicht. Das ist die neue Realität der KI-Sichtbarkeit.
FAQ – Deine Fragen zu YMYL und KI-Sichtbarkeit
Was genau sind YMYL-Themen?
YMYL steht für ‚Your Money or Your Life‘. Darunter fallen alle Themen, die das Glück, die Gesundheit, die finanzielle Stabilität oder die Sicherheit einer Person erheblich beeinflussen können. Beispiele sind medizinische Ratschläge, Finanzberatung, Rechtsinformationen und sicherheitsrelevante Anleitungen.
Ist E-E-A-T ein direkter Rankingfaktor?
Google beschreibt E-E-A-T nicht als direkten, technischen Rankingfaktor wie Seitengeschwindigkeit. Es ist eher ein Konzept, dessen Signale (Autorenreputation, Publisher-Trust, wissenschaftlicher Konsens etc.) von den Algorithmen bewertet werden. In AI Overviews wird diese Bewertung noch kritischer, da sie direkt über die Aufnahme in eine Antwort entscheidet.
Reicht ein sehr guter und gut recherchierter Blogartikel nicht mehr aus?
Für harmlose Themen vielleicht, für YMYL-Themen definitiv nicht. Ein exzellenter Artikel ist die Grundvoraussetzung, aber ohne die maschinenlesbaren Beweise für die Expertise des Autors und die Reputation des Publishers wird die KI ihn im Zweifel ignorieren, um kein Risiko einzugehen.
Wo fange ich an, um mein E-E-A-T maschinenlesbar zu machen?
Beginne mit den Grundlagen: Erstelle detaillierte Autorenseiten. Implementiere sauberes Organization und Author Schema Markup auf deiner gesamten Website. Überprüfe, ob deine Organisation und deine Experten klare digitale Fußspuren auf relevanten Plattformen außerhalb deiner eigenen Seite hinterlassen.