Ich erinnere mich an ein Gespräch mit einem Freund, der einen Wochenendtrip nach Hamburg plante und nebenbei sein Handy fragte: „Was sind die drei besten Boutique-Hotels in der Hafencity?“ Die Antwort kam sofort: eine kurze Liste mit drei Namen und einer knappen Begründung für jede Empfehlung.
Was mich faszinierte, war nicht die Antwort selbst, sondern was danach geschah. Er googelte nicht „beste Hotels Hamburg“, sondern direkt die Namen der drei empfohlenen Hotels.
Die Kaufentscheidung wurde in diesem Moment nicht mehr beeinflusst – sie war bereits gefallen. Der Wettbewerb fand nicht in der Google-Suche statt, sondern in der Datenbank des KI-Assistenten. Der Verkauf war unsichtbar geworden.
Dieses Phänomen nenne ich Zero-Click-Sichtbarkeit. Es ist die Kunst, in den Antworten von Empfehlungssystemen wie ChatGPT, Perplexity oder Google Gemini als die maßgebliche Lösung genannt zu werden. Und es verändert alles, was wir über Marketing zu wissen glaubten.
Der traditionelle Funnel ist tot – die KI hat ihn begraben
Jahrelang haben wir in Marketing-Funnels gedacht: Awareness, Consideration, Conversion. Ein linearer Weg, auf dem wir Kunden mit SEO, Anzeigen und Content an die Hand nahmen. Doch dieser Weg existiert für immer mehr Kaufentscheidungen nicht mehr.
KI-Systeme haben eine neue Ebene davor geschaffen: eine „Pre-Awareness“-Phase.
In dieser Phase stellt der Nutzer eine offene Frage, ohne eine bestimmte Marke im Kopf zu haben. Die KI agiert als Gatekeeper und Kurator. Sie durchsucht nicht nur das Web – sie interpretiert, bewertet und empfiehlt. Die Marken, die sie nennt, erhalten einen Vertrauensvorschuss, der mit klassischer Werbung kaum zu erreichen ist.
Warum? Weil die Empfehlung als objektiv, datengestützt und neutral wahrgenommen wird. Dieser Vertrauensvorschuss ist die neue Währung der KI-Sichtbarkeit. Er ist der Grund, warum laut Edelman Trust Barometer 81 % der Konsumenten sagen, dass sie einer Marke vertrauen müssen, um bei ihr zu kaufen. Die KI ist der ultimative Vertrauensfilter.
Wie eine KI lernt, deiner Marke zu vertrauen
Eine KI „entscheidet“ sich nicht für eine Marke, weil sie ein schönes Logo hat. Sie entscheidet auf Basis von Daten, Mustern und Signalen, die zusammen ein Bild von Autorität und Vertrauenswürdigkeit zeichnen.
Stell dir eine KI vor, die eine Empfehlung für einen Steuerberater für Start-ups in München geben soll. Sie wird nicht einfach nach Keywords suchen. Sie stellt sich vielmehr Fragen wie:
- Welcher Berater wird in Fachartikeln zum Thema „Start-up-Finanzierung“ am häufigsten zitiert?
- Wer hat die besten und konsistentesten Bewertungen auf relevanten Portalen?
- Wer wird von bekannten Gründern und Investoren in Podcasts oder Interviews erwähnt?
- Wessen Website liefert klare, strukturierte Informationen über genau dieses Fachgebiet?
Eine Marke, die in diesen Kontexten immer wieder positiv und konsistent auftaucht, wird für die KI zu einer verlässlichen Größe. Laut Lucidpress haben Marken, die konsistent präsentiert werden, eine drei- bis viermal höhere Sichtbarkeit. Im KI-Zeitalter bedeutet Konsistenz vor allem eins: über alle Kanäle hinweg dieselbe, klare Expertise zu signalisieren.
Wenn eine KI also sagt: „Für Steuerberatung in München empfehle ich [Markenname], weil sie nachweislich Expertise im Start-up-Bereich haben“, ist das kein Zufall. Es ist das Ergebnis unzähliger kleiner Vertrauenssignale, die deine Marke über Jahre gesendet hat.
Und dieser eine Satz kann wertvoller sein als Platz 1 bei Google, denn er hat die Kaufentscheidung bereits vorweggenommen. Der spätere Klick auf deine Website ist nur noch die Bestätigung.
Von der Marke zum Datenpunkt: Dein Weg zur KI-Empfehlung
Um von einer KI empfohlen zu werden, musst du aufhören, nur in Inhalten zu denken, und anfangen, in Systemen zu denken. Deine Marke muss für eine Maschine lesbar und bewertbar werden. Sie muss als vertrauenswürdige Entität existieren – eine klar definierte Wissenseinheit mit Eigenschaften, Beziehungen und einem Ruf.
Was fließt in diese Entität ein?
- Konsistente Daten: Deine Unternehmensinformationen (Name, Adresse, Fachgebiet) müssen überall im Netz identisch sein.
- Experten-Signale: Erwähnungen in Fachmedien, Zitate von Branchenkennern, Backlinks von autoritären Seiten.
- Nutzer-Sentiment: Die Tonalität und der Inhalt von Kundenbewertungen (denk an die 60 % der Konsumenten, die laut Statista vor dem Kauf Reviews lesen).
- Strukturierte Daten: Schema-Markup auf deiner Website, das einer Maschine klar sagt, wer du bist, was du tust und was deine Expertise ist.
All diese Signale formen deinen Brand Trust – eine Art Reputations-Score, den die KI errechnet.
Der „unsichtbare Verkauf“ ist also das Ergebnis harter, strategischer Arbeit. Es geht darum, deine digitale Identität so klar und glaubwürdig zu modellieren, dass eine Maschine gar nicht anders kann, als dich als beste Antwort zu erkennen.
Maschinen lernen gerade, Authentizität in Daten zu erkennen – und laut Forbes kaufen 91 % der Kunden eher bei einer authentischen Marke. Wer das versteht, gewinnt den Kunden, bevor die Konkurrenz überhaupt merkt, dass ein Rennen stattfindet.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Was genau ist Zero-Click-Sichtbarkeit?
Zero-Click-Sichtbarkeit bedeutet, dass deine Marke oder deine Information in der direkten Antwort eines KI-Systems (wie ChatGPT, Gemini oder in angereicherten Suchergebnissen) erscheint. Der Nutzer erhält seine Antwort, ohne auf einen Link klicken zu müssen. Der Wert liegt darin, als autoritative Quelle oder Top-Empfehlung positioniert zu werden, was das Vertrauen massiv stärkt.
Ist SEO damit tot?
Nein, aber SEO, wie wir es kannten, ist tot. Die alleinige Optimierung auf Keywords und Rankings greift zu kurz. Die Disziplin entwickelt sich zu KI-Visibility – einem ganzheitlichen Ansatz, bei dem es darum geht, Autorität, Vertrauen und eine maschinenlesbare Markenidentität aufzubauen, damit Empfehlungssysteme dich als relevante Antwort einstufen.
Wie „misst“ eine KI Vertrauen?
Eine KI misst Vertrauen nicht als Gefühl, sondern als Summe von datenbasierten Signalen. Dazu gehören die Qualität und Relevanz von Backlinks, die Häufigkeit von Erwähnungen in glaubwürdigen Kontexten (Co-Occurrences) und die Konsistenz von Unternehmensdaten im Netz (NAP-Daten). Genauso wichtig sind das Sentiment von Nutzerbewertungen und die Klarheit strukturierter Daten (Schema Markup) auf deiner eigenen Website.
Kann ich das als kleines Unternehmen auch schaffen?
Absolut. Es geht weniger um Budget als um Fokus. Ein kleines Unternehmen, das sich als unangefochtene Autorität in einer spezifischen Nische positioniert (z. B. „der beste Anwalt für Mietrecht in Köln-Ehrenfeld“), kann enorme KI-Sichtbarkeit aufbauen. Durch gezielte Inhalte, lokale Signale und den Aufbau eines exzellenten Rufs schaffst du die Daten, die eine KI braucht, um dich zu empfehlen.
Der erste Schritt ist nicht, sofort alles umzubauen, sondern die neue Realität zu akzeptieren: Die wichtigsten Kaufentscheidungen werden immer öfter in einem Dialog mit einer Maschine getroffen. Deine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass deine Marke in diesem Dialog die überzeugendsten Argumente liefert.